Wichtiger als gute Erziehung: Die richtige Sozialisierung

Hund vor der S-Bahn

Milo hat mit Zügen kein Problem

Einen Hund gut zu sozialisieren, bedeutet, ihn gesellschaftsfähig zu machen. Da uns unsere Hunde heutzutage fast überall begleiten, müssen sie sich schon früh an Dinge, wie Menschenmassen, LKWs, flatternde Markisen und Rollstühle gewöhnen. Um ihnen das so leicht wie möglich zu machen, sollte man seinem Vierbeiner all das in Vorbereitung auf sein Leben an unserer Seite zeigen.

Nur sehr zögerlich streckt Milo seinen Kopf nach vorne und schnuppert verhalten nach dem Leckerli in der Hand. Er fasst etwas Mut, schnappt es sich blitzschnell und verschwindet damit wieder unter den Küchentisch, um es dort in Sicherheit zu vertilgen. Das war vor 5 Jahren, ein paar Tage nach seiner Ankunft in Deutschland. Milo ist ein Hund aus dem spanischen Tierschutz, der in seinen ersten Lebensmonaten, also in der wichtigen Prägungsphase eines Hundes, nicht viel kennengelernt hat. Entsprechend zeigte er Unbekanntem gegenüber sehr lange große Unsicherheit.

Eine gute Sozialisierung des Vierbeiners ist unerlässlich, um ihn zu einem angenehmen Begleiter zu machen, der entspannt auf neue Dinge zugehen kann.

Hunde sind die einzigen Tiere, welche den Menschen als vollwertige Sozialpartner anerkennen und seine Gegenwart oft sogar die der Artgenossen vorziehen. Das ist für uns eine hohe Verantwortung, der wir uns bewusst sein sollten. Bevor wir unseren Hund vielen Umwelterfahrungen aussetzen, sollten wir ihm Sicherheit und Vertrauen geben. Mit uns im Rücken kann er neugierig durch die Welt gehen, weil er weiß, wo er Schutz findet.

Hund und Mensch spielen miteinander

Hundetrainerin Christin Schmeling im Spiel mit ihren Hunden Luke und Milo

Das erreicht man, indem man seinem Hund immer wieder beweist, dass man Führungsqualitäten besitzt, also Entscheidungen ruhig und souverän durchsetzt. Setzt ihr euch zum Beispiel eurem Hund gegenüber regelmäßig durch, traut er euch auch zu, ihn sicher durch sein Leben zu führen und euch sogar potentiellen Feinden gegenüber zu behaupten. Er traut euch zu, die richtigen Entscheidungen zu treffen und stellt sie nicht andauernd in Frage.

Führen bedeutet auch, dass man sich als Mensch von Anfang an seinem Hund gegenüber abgrenzen kann und ihm nicht ständig das Gefühl gibt, man habe nur Augen und Ohren für ihn und sonst nichts Besseres zu tun. In einem wilden Wolfs- oder Hunderudel wird in erster Linie nach dem Führer geschaut. Wo geht er hin? Wie verhält er sich in neuen Situationen oder auch bei Gefahr? Ist er entspannt, ist das Rudel entspannt.

Wenn ein Hund nicht weiß, wo er im Rang steht, ist er in der Regel überfordert.

Hunde im Rudel

Gutes Sozialverhalten ist wichtig für Hund und Mensch

Mit ständiger Aufmerksamkeit auf euren Hund, suggeriert ihr ihm einen falschen Status. Er fühlt sich zu einer Entscheidung gezwungen, anstatt sich ganz einfach an euch zu orientieren. Und da die wenigsten unserer Vierbeiner von Anfang an souverän und cool sind, fangen sie zum Beispiel an, den riesigen Bus oder den großen Schäferhund anzubellen oder vor ihm zu fliehen und nicht zusammen mit euch einfach vorbeizulaufen. Zwar wird er das anfangs bestimmt mit riesigen Augen machen, jedoch ohne Panik, denn sein Mensch vermittelt ihm durch sein Verhalten, dass keine Gefahr besteht.

Sammelt der Hund früh viele Umwelterfahrungen, kann er sich auch später besser mit unbekannten Situationen auseinandersetzen. Ob euer Hund nun auf dem Land oder in der Stadt aufwächst, er sollte von beiden Welten so viel wie möglich kennenlernen, denn man fährt sicher mal zusammen in den Urlaub oder die Lebenssituation verändert sich.

Hundebegegnungen

Zeigt eurem Hund, dass es andere Hunde in jeglicher Größe, unterschiedlichen Alters, mit platten und langen Nasen, mit extrem viel Fell oder Falten gibt und dass alle körpersprachlich verschieden agieren. Besucht er nur die Welpenstunde, lernt er in erster Linie, dass man ungestraft mögliche Spielpartner umrennen darf oder dass man als Mobbingopfer herhalten muss. Nur ein älterer Hund kann ihm angemessen die Grenzen aufzeigen. Achtet darauf, dass er gerade anfangs nur mit gut sozialisierten Hunden in Kontakt kommt, damit er nicht gleich schlechte Erfahrungen macht.
Beachtet, dass außerhalb des eigenen Rudels kein Welpenschutz existiert, nur ihr als Halter können ihn schützen, indem ihr euch auch mal vor ihn stellt, wenn er überfordert ist oder ihr bei einer Hundebegegnung kein gutes Gefühl habt.

Stadt

Radfahren mit Hund - für Luke und Milo kein Problem

Radfahren mit Hund – für Luke und Milo kein Problem

Lauft die ersten Male durch ruhigere Wohngebiete und lasst ihn dort in Ruhe schnüffeln und schauen und geht nicht sofort durch die Innenstadt oder an den Bahnhof. Wenn es in die City geht, am besten auch nicht gleich samstags zur stundenlangen Shoppingtour, damit wäre jeder Hund schnell überfordert. Es sind einfach zu viele Reize auf einmal, von den ganzen Gerüchen mal abgesehen. So viele Menschen, Kinder, alte Leute mit Krücken, Betrunkene, knatternde Mofas, glatte Böden, Gitterböden, Aufzüge… Geht lieber öfter und dann kurz mit ihm in die Stadt, dann muss er nicht alles auf einmal verarbeiten.
Besucht auch den Stadtpark mit eurem Hund, damit er Jogger und Radfahrer kennenlernt und nicht denkt, die Menschen rennen bedrohlich auf ihn zu und vor ihm weg und man darf hinterherjagen.

Andere Tiere

Milo und Luke machen Bekanntschaft mit anderen Tieren

Milo und Luke machen Bekanntschaft mit anderen Tieren

Lasst euren Hund andere Tiere beobachten. Pferde, Kühe, Schafe und Hühner, alles, was ihr so in eurer Umgebung oder auf einem Ausflug findet. Sogar in manche Zoos darf man seinen Hund mitnehmen.

Kinder

Kinder sind für Hunde oft kleine sehr unberechenbare Wesen, die plötzlich rennen, fallen, schreien, aufspringen und Dinge werfen. Wenn es die Möglichkeit gibt, lasst euren Hund erst mal mit Kindern zusammentreffen, die Hunde gewöhnt sind und dadurch ruhiger mit ihnen umgehen. Lasst den Hund keinesfalls mit Kindern alleine, sondern habt immer ein Auge drauf.

Geräusche

Damit euer Hund nicht geräuschempfindlich wird, gewöhnt ihn von Anfang an an klappernde Töpfe, fallende Bücher, laute Züge. Nehmt bei eurem Welpen zu Hause nicht zu viel Rücksicht, wenn er schläft. Bewegt euch ganz normal durch das Haus, denn er soll lernen, auch bei Lärm zur Ruhe zu kommen.

Christin Schmeling mit ihren beiden Tierschutzhunden Luke und Milo

Christin Schmeling mit ihren beiden Tierschutzhunden Luke und Milo

Achtet darauf, euren Hund nicht zu überfordern, ihr habt genug Zeit, ihm die Welt zu zeigen. Egal was für Abenteuer ihr mit eurem Vierbeiner unternehmt, er sollte nicht überreizt werden. Fängt er an zu hecheln oder gar zu zittern, ist er gar nicht mehr zur Ruhe zu bekommen, ist es ihm zu viel. Er muss nicht jeden Tag etwas Neues kennenlernen, denn er braucht dazwischen Entspannung, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Tage mit viel Schlaf und Döserei, kurzen reizarmen Spaziergängen sind genauso wichtig für die Entwicklung eures Hundes.

Inzwischen hat Milo das meiste nachholen können und er sieht, bis auf lauten Knallgeräuschen, auch neuen Situationen gelassen entgegen. Auch das ist also möglich, dass ein Hund die Sozialisierung weitestgehend nachholt. Je nach Charakter des Hundes dauert es länger und erfordert mehr Geduld und Know-How. (Christin Schmeling von Wilde Kerle und hier ist die Facebookseite der Wilden Kerle!)

Ein Kommentar

  1. Toller Beitrag und so wahr. Was eine fehlende Sozialisation ausmacht, merke ich an meinem kleinen Floppy, dem Dackelmischling aus dem ungarischen Tierschutz nur zu gut. Ich bekam ihn mit 5 Monaten. Vorher hatte ich nie mit solchen Hunden zu tun. Er wurde in der Tötung geboren und die Folgen waren katastrophal für ihn und seine Geschwister. Alle sind total unsicher. Das merke ich bei Floppy noch heute, mehr als drei Jahre später. Das Vorankommen ist zäh und extrem schwierig. Hätte ich eher Bescheid gewusst, wäre ich völlig anders an die Sache herangegangen. Bis ich aber mal kapierte, was los war, war schon viel wertvolle Zeit verloren und Floppy älter geworden. Sicher ist es möglich eine Sozialisation langsam nachzuholen. Es wird nach meiner Erfahrung nur leider deutlich schwieriger. Floppy und ich, wir werden noch Jahre brauchen bis er einigermaßen normal mit anderen Hunden und Menschen kann.

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